Wenn die innere Rose erstarrt


Sie vergleichen sich mit einer „im Eis eingefrorenen Rose“. Sie empfinden, als ob „die Seele klein und dunkel geworden“ ist.
Oder sie fühlen, dass der eigene „kreative Fluss“ zum Erliegen gekommen ist. Das berichten depressive Menschen über ihren Gemütszustand. Die Depression ist eine Volkskrankheit, unter der Millionen Menschen in Deutschland leiden. Die Gesundheitsregion plus Landkreis Neu-Ulm hat sich des weit verbreiteten Leidens angenommen. Kürzlich veranstaltete sie in Kooperation mit der Krankenkasse AOK einen Themenabend „Seelische Gesundheit“.

Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe gehören Depressionen zu den häufigsten und hinsichtlich ihrer Schwere am meisten unterschätzten Erkrankungen. Insgesamt erkranken 8,2 Prozent, das sind 5,3 Millionen der Deutschen im Alter von 18 bis 79 Jahren, im Laufe eines Jahres an einer unipolaren depressiven Störung. Expertinnen und Experten rechnen damit, dass diese Zahl infolge der Corona-Pandemie nochmals deutlich gestiegen ist.

Auf die Lebensspanne betrachtet, ist jeder fünfte bis sechste Erwachsene (entspricht 16 bis 20 Prozent) mindestens einmal im Leben von einer Depression betroffen. Frauen erhalten eine Depressionsdiagnose doppelt so häufig wie Männer, ältere Menschen häufiger als junge.

Die Depressionsforschung geht davon aus, dass die allermeisten der circa 9.200 Menschen, die sich jährlich in Deutschland das Leben nehmen, dies tun, weil sie an einer Depression leiden. Das sind mehr Tote als im Verkehr (ca. 3.000), durch Drogen (ca. 1.500) und AIDS (ca. 270) zusammengerechnet. Die Zahl der Suizidversuche ist schätzungsweise 15- bis 20-mal so hoch.

Im krassen Gegensatz zur Gefährlichkeit von Depressionen steht die geringe Neigung Erkrankter, über ihre Krankheit offen zu sprechen. Viele Betroffene schämen sich, dass sie depressiv sind. Über körperliche Gebrechen lässt sich leichter reden als über psychische. Die Stigmatisierung von außen hat zwar in den zurückliegenden Jahren abgenommen, dennoch sind es häufig die Erkrankten selbst, die sich Vorwürfe machen, sich als Versager fühlen oder sich gar selbst hassen.

Eines der vorherrschenden Kennzeichen der psychischen Erkrankung ist, dass es die Depression nicht gibt. Depressionen sind vielschichtig. Gut zum Ausdruck bringt dies der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“, der mehrere Depressionspatientinnen und -patienten porträtiert. Aus der Dokumentation stammen die eingangs geschilderten Empfindungen. Die Gesundheitsregion plus Landkreis Neu-Ulm zeigte den Film vor kurzem in Kooperation mit der Krankenkasse AOK-Bayern in deren Geschäftsstelle am Neu-Ulmer Bahnhof. Im Anschluss folgte ein Podiumsgespräch, in welches das Publikum eng eingebunden wurde. Die Moderation lag bei Marc Löchner, dem Geschäftsstellenleiter der Gesundheitsregion plus im Landratsamt Neu-Ulm.

Dabei wurde deutlich, dass vor allem immer wiederkehrende, sich in Episoden zeigende Depressionen nach dem derzeitigen Stand der Medizin nicht heilbar sind. Dennoch könne durch eine Kombination aus geeigneten Therapien, Medikamenten und bewusster Lebensführung das Leiden gelindert oder für eine längere Zeit behoben werden. „Depressionen können gefährlich sein, sie sind aber nicht das Ende der Welt“, sagte auf dem Podium die Weißenhorner Psychotherapeutin Michaela Kaiser. Eine Therapie, so hob sie hervor, wirke allerdings nicht durch Handauflegen des Therapeuten beziehungsweise der Therapeutin: „Eine Therapie bedeutet harte Arbeit, aber es lohnt sich auch, an sich zu arbeiten.“

Dies bestätigte Isabell Schick, Leiterin der Selbsthilfegruppe „Seelische Gesundheit“ in der Region Ulm/Neu-Ulm. „Den inneren Schweinehund zu überwinden“ sei nicht leicht. Denn Apathie, Erstarrung, Antriebslosigkeit, massive Selbstzweifel und Angst davor, sich selbst oder anderen nicht zu genügen, sind häufige Symptome der Depression. Daher zählt jeder einzelne Schritt, um sich aus der Erstarrung zu lösen, damit man nach und nach wieder aktiv am Leben teilnehmen kann. „Auch wenn wiederkehrende Depressionen nicht heilbar sind, gibt es doch unterschiedlichste, meist ganz persönliche Wege, damit umzugehen“, so Schick.

Mitglied in einer Selbsthilfegruppe zu werden und sich darin zu engagieren, kann hilfreich sein. Neuere Studien zeigen, dass dies häufig positive Auswirkungen auf Depressionspatienten hat. Das intensive, offene Gespräch mit anderen von der Krankheit Betroffenen könne dazu beitragen, „seine Mitte wieder zu finden“, so Psychotherapeutin Michaela Kaiser.

„Derzeit wird im Landkreis Neu-Ulm eine neue Selbsthilfegruppe gegründet“, berichtete Christine Lübbers, Geschäftsführerin des Selbsthilfebüros KORN. Wer an Depressionen leide oder damit auf andere Weise Erfahrungen gemacht hat, sei herzlich eingeladen mitzuwirken. Weitere Informationen im Internet unter www.selbsthilfebuero-korn.de

Der Dokumentarfilm „Die Mitte der Nacht ist der Anfang vom Tag“ führte vor Augen, dass man sich von der Erstarrung im Eis befreien und die eigene, innere Rose wieder zum Blühen bringen kann. Marc Löchner fasste zusammen: „Seelische Gesundheit ist Lebensqualität.“

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Gemeinsam gegen die Volkskrankheit Depressionen (von links): Michaela Kaiser, Marc Löchner, Isabell Schick, Christoph Rampp (Stellvertretender Teamleiter des Serviceteams Neu-Ulm, AOK Bayern).   
Foto: Jürgen Bigelmayr / Landratsamt Neu-Ulm

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Beim Podiumsgespräch (von links): Marc Löchner, Michaela Kaiser und Isabell Schick.
Foto: Jürgen Bigelmayr / Landratsamt Neu-Ulm

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