Magische Momente im „Mantel der Geschichte“


Daniel Biskup macht Geschichte lebendig: Mauerfall und Deutsche Einheit, Auflösung des Ostblocks und Auseinanderbrechen der Sowjetunion, Corona-Lockdown und Loveparade. Immer wieder ist der 63-jährige Dokumentarfotograf und Bildjournalist, der in Bonn geboren ist und seit 1981 in Augsburg lebt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um wahrhaft historische Zeiterscheinungen und -zeugen festzuhalten.

Wie macht er das? „Auf das Motiv und den Moment kommt es an“, sagt Biskup im Rahmen der aktuellen Fotoschau „Menschen, Geschichte, Begegnungen“ in Nersingen-Oberfahlheim. Am 05. August 2026 ist die herausragende Ausstellung im Museum für bildende Kunst im Landkreis Neu-Ulm eröffnet worden. Noch bis zum 08. November 2026 können Biskups Arbeiten im historischen Bräuhaus des ehemaligen Klosters Elchingen besichtigt werden.

08. November – das ist der Vortag eines sehr bedeutenden Datums in der deutschen Geschichte: Am 09. November 1989 fiel die Berliner Mauer. Daniel Biskup sah die Bilder am Abend im Fernsehen und wusste sofort: „Jetzt wird sich alles ändern! Da muss ich hin!“ Er zögerte nicht und fuhr sofort nach Berlin. An und auf der Mauer am Brandenburger Tor feierten zehntausende Menschen euphorisch das für unmöglich Gehaltene. Biskup, der Fotograf der Wendezeit, hat alles im Bild konzentriert und konserviert. Ebenso wie die ersten DDR-Bürger, die bei Passau über die innerdeutsche Grenze kamen.

20 Jahre danach treffen sich die drei „Väter der Einheit“, Michail Gorbatschow, Helmut Kohl und George Bush Senior, in Berlin: Sie sitzen eng nebeneinander - Kohl im Rollstuhl - und lächeln sich glücklich und zufrieden an. Hinter ihnen sind drei Original-Fragmente der einstigen Berliner Mauer aufgebaut, bemalt mit Graffiti. Wieder war Daniel Biskup direkt vor Ort und fotografierte die historische Zusammenkunft im Axel-Springer-Hochhaus. Dieses Bild hat – typisch für Biskup – Emotion, Energie und Atmosphäre. Es hängt nun für drei Monate unter 51 großformatigen und mittelgroßen Biskup-Bildern an den Wänden im Kunstmuseum.

Der renommierte Dokumentarfotograf Daniel Biskup stellt derzeit eine Auswahl seinerFotografien im Museum für bildende Kunst im Landkreis Neu-Ulm aus. Links neben ihm sein Bild „Die Väter der Deutschen Einheit“.

Die Schauräume im Erdgeschoss atmen Geschichte. Sie wird spürbar -  die Magie der Monumente und Momente, des Rauschens des „Mantels der Geschichte“, wie der Kanzler der Einheit, Helmut Kohl, einst in Anlehnung an ein geflügeltes Wort von Bismarck sagte.

Daniel Biskup, der an der Universität Augsburg Geschichte, Politik und Volkskunde studiert hat, besitzt ein feines Gespür für den flüchtigen Augenblick, den er im Vorbeihuschen zielgenau zu fixieren weiß. Mehrfach in seinem Fotografen-Leben ist es ihm gelungen, solche Sternstunden mitzuerleben und einzufangen, die eine ganze Epoche prägen.

Durch Biskups fotografisches Auge blicken wir in besonderen Situationen und Orten in die Gesichter von Staatsmännern und -frauen: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder, Angela Merkel und Friedrich Merz – eine fast vollständige Ahnengalerie der Bundeskanzler im kleinen, aber feinen Kunstmuseum. Politprofis wie Barack Obama - beim Empfang von Angela Merkel vor dem Weißen Haus in Washington - wechseln sich ab mit Prominenten-Porträts: etwa Karl Lagerfeld, wie aus der Zeit gefallen, mit dem Hörer einer Berliner Telefonsäule in der Hand; Udo Lindenberg („Sonderzug nach Pankow“) im November 1989 an der Berliner Mauer; Verhüllungsgenie Christo 20 Jahre nach seiner weltberühmten Reichstagsverpackung am Originalschauplatz.

Wie kommt Daniel Biskup an solche Persönlichkeiten heran? „Freundlich und gelassen muss man sein, aber hartnäckig im Erreichen des Ziels“, verrät er. Empathisch und verlässlich gelingt es ihm, Vertrauen aufzubauen und persönliche Beziehungen zu knüpfen. Promis seien halt auch nur Menschen; „sie wollen sich wohlfühlen“, so Biskup. Seine charismatische Art und seine Professionalität öffneten ihm in vier Jahrzehnten als freier Fotojournalist viele Türen. 

Neugier und Netzwerken, Ausdauer und Beharrlichkeit führen ihn immer wieder dahin, wo er hin möchte. Er fasst sein Bestreben so zusammen: „Ich will bei spannenden Ereignissen hautnah dabei sein.“ Sein Anspruch sei, Zeitgeschichte und Personen der Zeitgeschichte im Bild festzuhalten und darüber mit seiner Bildsprache fesselnd zu erzählen. Chancen dazu hat die Geschichte reichlich geboten, und Biskup hat sie vielfach ergriffen. Davon Zeugnis geben mittlerweile 25 Bildbände, die über seine Fotokunst erschienen sind.

Auch der Neu-Ulmer Landtagsabgeordnete Thorsten Freudenberger hatte die Ehre, von Daniel Biskup abgelichtet zu werden. Zunächst wunderte sich der heimische Politiker, dass der ihm damals unbekannte Fotograf nicht auf eines der vielen Pressebilder aus seinem Fundus zurückgreifen wollte, sondern darauf bestand, unbedingt nach Neu-Ulm zu kommen, um Freudenberger in dessen Lebensumfeld zu fotografieren. Doch dann bei der persönlichen Begegnung – so erzählte Freudenberger als Vernissage-Redner – „wurde mir schnell bewusst, dass es sich bei Daniel Biskup nicht um irgendeinen Fotografen handelt, sondern um den Starfotografen des deutschen politischen Journalismus schlechthin.“

Biskup sei „eine Premiummarke im Fotojournalismus“. Dessen Name stehe für qualitativ und thematisch herausragende Dokumentarfotografie, sagte Ludwig Daikeler in seiner Begrüßungsansprache bei der Ausstellungseröffnung. Der weitere Stellvertreter von Landrätin Eva Treu kam auch darauf zu sprechen, dass der ehemalige Landrat Thorsten Freudenberger nach seinem Treffen mit Daniel Biskup den Vorschlag gemacht hatte, eine Auswahl von dessen bewegenden Aufnahmen im Landkreismuseum in Nersingen-Oberfahlheim zu präsentieren. Sabine Moser, die stellvertretende Museumsleiterin, griff die Initiative Freudenbergers gerne auf und organisierte die hochkarätige Fotoschau.

Was dort zu sehen ist, sei keine Massenware, sondern das Besondere, das aus der heutigen Bilderflut heraussteche, sagte Freudenberger: „Jedes Biskup-Bild hat etwas Einzigartiges, wie ein Unikat, das in einer Manufaktur von einem Meister seines Fachs gefertigt wurde.“

Die rund 70 Besucherinnen und Besucher der Ausstellungseröffnung konnten sich davon überzeugen. Auch Biskup selbst genoss den Abend sichtlich. Er zeigte sich „glücklich, dass die Bilder so wunderbar präsentiert werden“.

Aufmerksames Interesse fand auch die neue Kabinettausstellung im Kunstmuseum. Unter dem Titel „Geometrie und Kunst“ gibt Kuratorin Sabine Moser darin spannende Einblicke in die vielfältige Kunstsammlung des Landkreises Neu-Ulm.

Das Museum für bildende Kunst in Oberfahlheim hat wöchentlich von Freitag bis Sonntag und an Feiertagen von 13:00 bis 17:00 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Bilder und Bildbände von Daniel Biskup können erworben werden. Nähere Informationen unter Telefon 0731 7040-42014 oder per E-Mail kreismuseen(at)landkreis-nu.de

Nach oben