Eine kurze Geschichte des
Landkreises Neu-Ulm

Der Landkreis Neu-Ulm ist ein junges Gebilde, und nicht einmal 50 Jahre nach seiner Gründung hätte es mit seiner Existenz bereits zu Ende sein können. Aber die Geschichte des Gebietes, auf dem sich heute der Landkreis Neu-Ulm ausbreitet, ist älter, viel, viel älter …

Landkreis Neu-Ulm: Eine Zeitreise

Die Archäologie hat bisher im heutigen Landkreis Neu-Ulm Siedlungsspuren aus der Bronze-, Eisen- und Römerzeit zu Tage gefördert.
Spektakulärste Entdeckung ist das römische Kastell Caelius Mons in Kellmünz, an dessen Geschichte der Archäologische Park erinnert. Die mächtige Wehranlage war zu Spitzenzeiten wohl mit einer Kohorte von rund 300 bis 400 Mann besetzt. 
Im Kastellinneren entstand zu späterer römischer Zeit eine große einschiffige Aula mit Apsis und Säulenhalle. Der Grundriss verlief quer durch die heutige Kellmünzer Pfarrkirche St. Martin. Als Teil des Kastells fand man 1952 einen kostbaren Münzschatz. Die noch heute zum Teil erhaltene wuchtige Wehrmauer diente nach dem Abzug der römischen Legionäre (voraussichtlich 430 bis 450 n. Chr.) der verbliebenen Bevölkerung als Steinbruch.
Im frühen Mittelalter siedelten sich Alemannen an Donau und Iller an, worauf die vielen heutigen Ortsnamen mit -ingen und -heim als Endsilben hindeuten.
Der Herrensitz war wohl Biberegg, der Bergsporn beim späteren Kloster Roggenburg am unteren Ende des großen Forstes.
Die Christianisierung Ulms und wohl auch der Umgebung erfolgte nach der Überlieferung gegen 600 n. Chr.
In Illertissen wird seit einigen Jahren mit einem Brunnendenkmal des Friedens von Tussa gedacht, den im Jahr 954 König Otto I., der spätere Kaiser, und dessen aufständischer Sohn Luidolf, der Herzog von Schwaben, schlossen. Die beiden Streithähne standen sich mit ihren Herren auf offenem Feld zwischen dem heutigen Illertissen und Bellenberg gegenüber. Doch die Bischöfe von Augsburg, Ulrich, und Chur, Hartpert, ehemals Abt von Ellwangen, eilten im letzten Moment herbei und schafften es, einen Frieden zu vermitteln. Ein Jahr später schlugen die vereinten Heere von Otto und Luidolf in der Jahrtausendschlacht auf dem Lechfeld bei Augsburg die einfallenden Ungarn. Dieser bedeutsame Triumph wäre wohl ohne den Friedenschluss von Tussa nicht möglich gewesen.
 
Im hohen Mittelalter prägten vor allem drei Herrschaftsgeschlechter das Gebiet des heutigen Landkreises Neu-Ulm. Heraldisch Kundige können diese aus dem Wappen des Landkreises herauslesen.
 
Die Mohrin erinnert an die Grafen von Kirchberg. Ihnen unterstanden einige Orte im Illertal, wie zum Beispiel Illertissen, Neuhausen und Wullenstetten. Die roten Schrägbalken stehen für die Grafen von Berg, die im Ostteil des Kreisgebietes (um Pfaffenhofen) herrschten. Das Hifthorn erinnert an die Herren von Neuffen, denen Weißenhorn und Buch unterstanden. In Illereichen, Kellmünz und Osterberg hatten die Herren von Rechberg die Ortsherrschaft inne.
 
Die Herren von Biberegg gründeten 1126 bei ihrer alten Stammburg das Prämonstratenserkloster Roggenburg. Adalbert von Alechingen stiftete zusammen mit seiner Gattin, Bertha von Staufen, deren Bruder der deutsche König Konrad III. war, um 1110 ein Benediktinerkloster zu Füßen seiner Burg Elchingen.
In der frühen Neuzeit schickte sich Weißenhorn an, Ulm als Handelszentrum den Rang streitig zu machen. 1507 hatte Jakob Fugger der Reiche aus Augsburg von seinem Kreditnehmer Kaiser Maximilian I. Weißenhorn übertragen bekommen. 1513/14 ließ er dort ein neues Schloss bauen, in dem heutzutage die Stadtverwaltung untergebracht ist. 1735 wurde das bis dahin im Renaissance-Stil gebaute Gebäude barockisiert. Im 16. Jahrhundert gelangte Weißenhorn zu hoher wirtschaftlicher Blüte. Die Qualitätsprodukte der Weißenhorner Weber wurden durch die Fugger zum weltweiten Exportschlager. Noch heute kann man beim Flanieren durch die Weißenhorner Altstadt den historischen Reichtum ermessen. Bis in die Napoleonische Zeit blieb Weißenhorn bei den Fuggern, erst 1806 wurde es bayerisch.
 
Auch Illertissen ging im 16. Jahrhundert in andere Hände über. Der Memminger Patrizier Erhard Vöhlin erwarb es 1520 von den Erben der ausgestorbenen Grafen von Kirchberg. Erst 1756 verabschiedeten sich die bankrotten Vöhlin aus Illertissen mit dem Verkauf der Herrschaft an den bayerischen Kurfürsten Max Josef III. Im Vöhlinschloss, das hoch über der Stadt thront, waren dann im Laufe der Zeit Rent-, Bezirks-, Landrats- und Finanzamt sowie das Amtsgericht untergebracht. Seit 1983 befinden sich in den Räumen das Bayerische Bienenmuseum des Landkreises Neu-Ulm und das städtische Heimatmuseum.
 
Martin Luthers Glaubens- und Kirchenrevolution stürzte auch Ulm und sein Umland in Turbulenzen. 1531 wurden die Stadt und die ländlichen Ulmer Gebiete evangelisch, darunter Pfuhl und Steinheim, bald auch Reutti, Holzschwang und Hausen. Die Holzheimer hingegen, deren Dorf der Oberhoheit Österreichs (Habsburg) unterstand, mussten noch vor dem Dreißigjährigen Krieg wieder katholisch werden oder auswandern. In die Reformationszeit fiel auch der Bauernkrieg, in dem der „Leipheimer Haufen“ 1525 zum Beispiel das Kloster Roggenburg ausplünderte.
Es kam noch schlimmer! Im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 48) wurden vor allem die süddeutschen Lande fürchterlich heimgesucht. „1648 war nur etwa ein Drittel der Einwohner im heutigen Kreisgebiet übrig geblieben, dezimiert vor allem durch die Pest 1635, aber auch durch Hunger und immer erneute Flucht in die Städte oder in die Wälder“, schreiben Albrecht Rieber und Horst Gaiser in ihrer „Kleinen Geschichte des Landkreises Neu-Ulm“ im Buch „Der Landkreis Neu-Ulm - Zwischen Alb und Allgäu“. Kolonisatoren, die hauptsächlich aus Tirol kamen, bauten die verwüsteten Landstriche wieder auf.

Aus den Kriegsleiden erwuchs eine neue katholische Volksfrömmigkeit. Im Zuge der Gegenreformation entstanden prächtige Kirchen und Klöster. Im 18. Jahrhundert erlebte etwa die reichsunmittelbare Abtei Roggenburg unter Abt Georg Lienhardt ihre Glanzzeit. In Elchingen dagegen ereignete sich eine Tragödie: 1773 zerstörte ein Brand den östlichen Teil der Klosterkirche, der Turm stürzte ein. 1773 bis 1784 wurde die Kirche in den Baustilen des Barock, Rokoko und Frühklassizismus wieder aufgebaut. Das Gotteshaus ist der einzige Teil, der heute vom vormaligen großen Klosterkomplex auf dem Alb-Vorsprung hoch über der Donau noch übrig geblieben ist.
Kaum wieder aufgebaut, sollte der Untergang der Reichsabtei nur wenige Jahre bevorstehen. Die Schlacht von Elchingen begründete gleichzeitig den Ruhm des kleinen Ortes nahe Ulm. Am 14. Oktober 1805 besiegten Napoleons Truppen unter dem Kommando von Marschall Michel Ney ein österreichisches Heer. Tags darauf setzte die Belagerung Ulms ein, das nur wenig später kapitulierte. Napoleon verlieh Marschall Ney den Titel „Duc d’Elchingen“. Den Ortsnamen Elchingen können Paris-Besucher noch heute eingemeißelt auf der Innenseite des Arc de Triomphe (Triumphbogen) ausmachen.  

Napoleon war es, der die Vorherrschaft Österreichs und der Freien Reichsstadt Ulm in der Region beendete. Als neue Territorialmächte traten die Königreiche Württemberg und Bayern an deren Stelle. In dieser Zeit der deutschlandweiten Flurbereinigung (Mediatisierung und Säkularisation) schlüpfte ein kleines Küken aus dem Ei, nach dem keine 150 Jahre später der Landkreis Neu-Ulm bezeichnet werden sollte. Die heutige Große Kreisstadt Neu-Ulm mit ihren rund 60.000 Einwohnern erblickte am 22. April 1811 auf königliches Geheiß das Licht der Welt am weiß-blauen Himmel. „Ulm auf dem rechten Donauufer“, wie Neu-Ulm zunächst hieß, entstand aus einigen Gehöften und Gärten.

Innerhalb der Bundesfestung Ulm, die der Deutsche Bund von 1842 bis 1859 links und rechts der Donau aus dem Boden stampfte, wuchs Neu-Ulm heran: Es wurde 1848 Garnison, erhielt 1853 eine Bahnstation und wurde 1869 zur Stadt ernannt. Nach der Bahnlinie Augsburg – Neu-Ulm – Ulm – Stuttgart führte nun auch die Strecke Neu-Ulm – Memmingen – Kempten  durch den heutigen Landkreis. 1868 begann die Industrialisierung Neu-Ulms, das seit 1908 mit der Eingemeindung Offenhausens auch über die Festungsmauern hinauswuchs.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg erwies sich Europas größte Festungsanlage als untauglich, Bevölkerung und Bauwerke vor Tod, Leid und Zerstörung zu bewahren. Am 16. März 1944, 1. März 1945 und 4. März 1945 wurde Neu-Ulm, wo sich wichtige Industriebetriebe befanden, Ziel massiver alliierter Luftangriffe. Neu-Ulm wurde zu 80 Prozent zerstört, so stark wie kaum eine andere Stadt in Bayern. Alle Brücken über die Donau wurden auf Hitlers Nero-Befehl von den Deutschen selbst gesprengt. 169 Männer und 125 Frauen aus Neu-Ulm kamen im Bombenhagel ums Leben. Insgesamt waren 757 Männer der Stadt in den Kriegswirren gefallen oder als vermisst gemeldet worden. Rund 5.000 Menschen wurden während des Krieges in das Umland evakuiert. Am Ende lebten nur noch 9.590 Menschen in Neu-Ulm. Vor Kriegsbeginn waren es 14.571.
Die Nationalsozialisten brachten auch im späteren Landkreis Neu-Ulm Unheil über Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer.  Auch der Holocaust streckte seine mörderischen Tentakeln hierher aus. In Altenstadt an der Iller löschten die Nazis die seit 1651 bestehende jüdische Gemeinde aus, die einmal mehr als 400 Mitglieder zählte. Friedhöfe wurden geschändet, Synagogen niedergebrannt, Eigentum geraubt und schließlich als Höhepunkt der Bestialität zahllose Menschen ermordet.

Dem Höllensturz folgten nach dem Krieg Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Wiedergutmachung. Dabei halfen die Heimatvertriebenen und Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten. Zehntausende Zuwanderer, vor allem aus dem Sudetenland, fanden nach 1945 eine neue Heimat an Donau, Iller, Roth, Osterbach und Leibi. Der konjunkturelle Boom kurbelte Konsum und Investitionen an, schuf Arbeitsplätze, Straßen, Häuser und Wohnungen. Schwäbischer Innovations- und Erfindergeist traf auf lange Zeit vorbehaltslose Fortschrittsgläubigkeit. Natur und Menschenseele gerieten dabei auch im Landkreis Neu-Ulm zuweilen unter die Räder.

Das Jahr 1972 war ein besonderes Jahr in Bayern – nicht nur, weil damals in München die Olympischen Sommerspiele ausgetragen wurden, sondern auch weil der Landkreis Neu-Ulm im Zuge der bayerischen Gebietsreform seinen jetzigen Zuschnitt erhielt. Der territoriale Status quo entstand durch Zusammenfassung des Altlandkreises Neu-Ulm, eines Großteils des vormaligen Landkreises Illertissen sowie der ehemals kreisfreien Stadt Neu-Ulm. Im Landkreis Neu-Ulm gibt es seither 17 Gemeinden, davon fünf Städte: Neu-Ulm (Große Kreisstadt), Senden, Illertissen, Vöhringen und Weißenhorn.

1983 wurden auf dem amerikanischen Gelände im Landkreis Neu-Ulm im Zuge des NATO-Doppelbeschlusses Pershing-II-Raketen stationiert, die atomare Sprengköpfe trugen. Hunderttausende Gegner protestierten: Eine Menschenkette zog sich am 22. Oktober 1983 von Neu-Ulm über Mutlangen bis nach Stuttgart. Fast 40.000 für den Frieden und Abrüstung demonstrierende Teilnehmerinnen und Teilnehmer versammelten sich zum abschließenden Protestkonzert auf dem Volksfestplatz in der Nähe der Wiley-Kaserne.
Die Epochenwende 1989/1990 brachte nicht nur die Wiedervereinigung und den Fall des Eisernen Vorhangs, sondern in Neu-Ulm auch den Abzug der seit 1951 stationierten US-Truppen. Städtebaulich entwickelte sich das neue Stadtviertel Wiley, in dem von 2006 an unter anderem Neubauten für die 1994 gegründete Hochschule Neu-Ulm entstanden.
Wappen des Landkreises Neu-Ulm

Über rotem Schildfuß, darin ein waagrechtes golden beschlagenes, silbernes Hifthorn, fünfmal schräglinks geteilt von Rot und Silber, überdeckt mit einer aus der Teilungslinie wachsenden schwarz gekleideten und golden gekrönten Mohrin, die eine goldene Bischofsmütze in den Händen hält.“

Das Wappen erzählt die Gebietsgeschichte des Landkreises: die Mohrin erinnert an die Grafen von Kirchberg, die roten Schrägbalken an die Grafen von Berg und das Hifthorn an die Herren von Neuffen. Den Grafen von Kirchberg unterstand das Illertal von Ulm bis Kellmünz. Ihre Burg in Wullenstetten war zeitweise der einzige Sitz des Gechlecht, nachdem Kirchberg an die Südtiroler Herren von Matsch gefallen war.

Im Ostteil des Kreisgebietes herrschten die Grafen von Berg, die auch Markgrafen von Burgau waren. Aus ihrem Gebietsanteil erwuchs vor allem die spätere Herrschaft Pfaffenhofen. Durch die Stadtgründung von Weißenhorn und als Erben der Roggenburger Klosterstifter, der Herren von Biberegg, haben die Herren von Neuffen die Entwicklung des mittleren und oberen Rothtales geprägt.
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